Keine Zeit für Übergangsjacken

Wenn der Herbst längst da ist, der Sommer sich aber offensichtlich nicht vertreiben lassen will. Die Kastanien vor meinem Altonaer Bürofenster knallen vom Baum in den Hof, auf den Dach des Carports und jedem auf den Kopf, der unvorsichtig genug ist, keinen Bogen um den Baum zu machen. Die Blätter desselben Baumes sind schon fast alle ab, es gab auch genügend Wind in den letzten Tagen und so hat der Hausmeister schon viele Runden mit dem Besen gedreht, um die Blätter vom Hof zu kriegen, eine Aufgabe für sehr geduldige Menschen, denn auch wenn der Baum schon ziemlich nackig aussieht, kommen beim Anblick des Hausmeisters mit seinem Besen natürlich immer noch weitere Blätter runter. Und die Kinder der Nachbarschaft sammeln Kastanien und freuen sich, wenn die vom Baum fallenden Früchte dicht neben ihnen landen und dabei ordentlich Lärm machen.

Von meinem Bürofenster am Deich schaue ich auf den frisch angelegten Vorgarten im Hospizhof und einen Stapel noch nicht eingesetzter Pflanzen, die noch wie kürzlich im Hochsommer ständig nach Wasser schreien und ihre gierigen kleinen grünen Ärmchen nach mir ausstrecken, wenn ich auf dem Weg zur Bushaltestelle an ihnen vorbeischleiche. Und dabei regnet es ja ab und zu, nicht nur nachts, sondern auch tagsüber. Aber die Jungpflänzchen, ob im Beet oder noch im Plastikpott, haben sich so daran gewöhnt, durstig zu sein, dass sie wahrscheinlich auch noch gierig trinken würden, wenn ihnen das Stauwasser schon bis zum Hals stünde.

Ein merkwürdiger Übergang vom Sommer zum Herbst dieses Jahr. Nicht nur das Klima, auch das Wetter scheint sich zu wandeln, im Großen wie im Kleinen. Nachts ist es oft schon ganz schön kalt, außer wenn die Luft nach dem Untergehen der Sonne mal wieder vergisst, sich abzukühlen. So wie vorgestern. Dann hat es halt tropische Sommernächte im Herbst. Morgens, wenn die Entscheidungen in Sachen Oberbekleidung für den Tag fallen müssen, gibt sich das Draußen frisch, aber sobald wir dann mit Unterhemd unterm T-Shirt oder gar mit Steppjacke an der Bushaltestelle stehen, kommt die Sonne um die Ecke und stellt klar, dass sie hier das Sagen hat und so ein Unterhemd unterm T-Shirt eine ziemlich dämliche Entscheidung war. Über Steppjacken sagt sie nichts, jedenfalls nicht zu mir, denn ich besitze keine Steppjacke. Ich sehe nur manchmal welche draußen in der freien Wildbahn und frage mich, warum und wieso und seit wann und wie lange noch.

Die Katzen werfen in einem Moment ihr Sommerfell ab und sehen im nächsten Moment schon so aus, als würden sie diese Aktion gerne rückgängig machen. Wenn das Winterfell inklusive Unterfell erst einmal da ist, gibt es kein Zurück mehr, so – also zu leicht und sommerlich befellt – kann man sich einen Pulli überziehen oder sich in einen Schal einwickeln.

Jehan braucht keine Pullis und keinen Schal mehr. Auch kein Winterfell. Vielleicht eine gute Entscheidung, abzutreten, bevor es draußen zu kalt und dunkel wird. So hat er an seinen letzten Lebenstagen noch in der Sonne liegen und gemütlich vor sich hinträumen können.

Uns Menschen bleibt nicht viel anderes übrig, als die „Ich habe im Sommer nicht anzuziehen“-Kollektion gegen die „Im Herbst habe ich erst recht nichts anzuziehen“-Kollektion auszutauschen. Glückwunsch an all die Mitmenschen, die eine Übergangsjacke ihr eigen nennen und diese auch anzuwenden wissen. Ich hätte ja keine Ahnung, welche Jacke für welchen Übergang und wie kombiniert. Andererseits ist bei mir im Grunde jede Jacke eine Übergangsjacke oder könnte noch eine werden. Schließlich wissen wir ja im Allgemeinen nicht, wann der nächste Übergang ansteht und wohin. Dieses Bewusstsein ist auf eine gewisse Weise ja auch eine Art Vorbereitung, ein umgekehrtes Preppertum: Ich lege keine Vorräte an und tue kaum etwas zur Absicherung, aber ich versuche, keine Angst davor zu haben, dass jederzeit ein Übergang anstehen könnte. Unabhängig davon, welche Jacke ich da gerade trage oder ob ich überhaupt eine Jacke bei mir habe.

Die Katzen machen das schon seit vielen Tausenden oder Millionen Jahren so, sagen sie, und es hat sich noch immer bewährt. Es kommt, wie es kommt, sagen sie, und: Wir kommen schon klar. Und das tun sie dann auch. Ohne Angst, ohne Gewissensbisse und ohne Übergangsjacke oder -fell. Allzeit bereit und so. Und die Nicht-Jahreszeit ist ihnen dabei schnurzpiepegal.

 

3 Kommentare

    1. Ja, leider ist Jehan vor einigen Tagen gestorben. Es ging ihm lange gut, aber dann hat es ihm wohl gereicht und das hat er dann auch deutlich gezeigt. Wir vermissen ihn sehr, aber nun ist er wieder mit Jette vereint und das ist ja auch irgendwie gut und richtig. Mepp.

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