Mit Katzen im Bett

„Alle Mann ins Bett!“, brüllte Frithelbert von Frithelsen und hechtete mit einem riesigen Satz an der nicht mehr ganz so dicken freundlichen Frau vorbei, die in einem nicht näher definierten Zustand – weder an- noch ausgezogen – auf der Bettkante saß und ihre schmerzenden Füße massierte. Sie spürte nur im ersten Moment einen Luftzug und sah im nächsten Moment ihren grau-weißen Kater eingerollt wie ein Schneckenhaus und mit einem milden Lächeln mitten im Bett liegen, natürlich auch mitten auf der Bettdecke.

„Ich komme auch!“, brüllte Frl. Leonie Mau nicht ganz so laut, nahm Anlauf und sprang mit einem auch durchaus sportlich aussehenden Satz ins Bett, bremste haarscharf, um nicht mit einem Bauchklatscher auf Fritte zu landen, und ließ sich dann huldvoll auf ihrem Kopfkissen nieder.

„Noch jemand?“, fragte die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau etwas ungezielt in die leere Wohnung. Keine Antwort erfolgte, was nicht weiter verwunderlich war, denn der kleine freundliche Hund und der große freundliche Mann lagen in ihrem eigenen Bett rund 117 Kilometer entfernt. Was grundsätzlich natürlich anprangernswert war, heute aber aufgrund der Temperaturen um die 27 Grad auch noch am späten Abend nicht ganz so dramatisch erschien.

Die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau versuchte, sich um den vermeintlich schlafenden Fritte herumzukringeln, nicht wirklich erfolgreich.

„Mein Hintern hängt seitlich raus“, murmelte sie. „Wie breit muss so ein Bett denn noch sein, damit ein Mensch und zwei Katzen dort bequem liegen können?“

„Immer etwas breiter als das, was du gerade gekauft hast“, erwiderte Fritte, ohne die Lippen zu bewegen.

Die Augen der nicht mehr ganz so dicken freundlichen Frau verengten sich zu messerscharfen Schlitzen. „Hast du was gesagt, Fritte?“

„Nein“, versicherte er treuherzig. „Dafür schlafe ich viel zu tief.“

Leo kicherte im Hintergrund. „Ich glaube, du hast dich gerade verraten!“

Die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau kicherte auch. „Ich glaube auch. Los, rutsch rüber, Fritte!“

„Du kannst auch ins Wohnzimmer gehen und Fußball gucken“, schlug Leo vor. „Ich könnte schwören, letztes Mal hättest du den Ball fast erwischt.“

Fritte rutschte etwa fünf Zentimeter nach links und starrte Leo finster an. „Letztes Mal habe ich erfahren, dass Rumänien sich nicht für die WM qualifiziert hat. Seitdem macht mir das Fußballklauen keinen Spaß mehr.“

„Armer Fritte“, bedauerte ihn Leo, immer noch grinsend. „Nix mehr los in der alten Heimat, seit du weg bist, was?“

„Natürlich nicht“, gab Fritte leicht verärgert zurück. „Dabei habe ich die jungen Verwandten dort wirklich gründlich ausgebildet. Aber ich glaube, viele von denen haben sich ins ach so tierliebe Deutschland abgesetzt oder wie ihr es nennt: adoptieren lassen.“

Die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau hatte sich etwas weiter in die Bettmitte gerollt und fühlte sich offenbar nicht mehr ganz so absturzgefährdet. Unpraktischerweise lag sie jetzt so weit von ihrem Nachttisch entfernt, dass sie nicht an ihr dort abgestelltes Wasserglas kam. Das war allerdings ohnehin leer. Mühsam rollte die Frau sich wieder an den Rand und richtete sich auf, um sich aus der am Boden stehenden Karaffe Wasser einzuschenken.

Bei dem plätschernden Geräusch des Wassers klappte Leo, die gemütlich auf ihrem Kissen thronte, die Augen wieder auf. Aufmerksam beobachtete sie, wie die nicht mehr ganz so dicke Frau einen Schluck Wasser nahm und das Glas wieder auf den Nachttisch stellte. Dann robbte sie wieder Richtung Bettmitte und zog die Bettdecke über ihre Körpermitte. Leo zögerte nicht, sondern begann, sobald die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau wieder auf ihrem Kopfkissen lag, über diese hinwegzuklettern, Richtung Nachttisch und Wasserglas, direkt über das Kopfkissen und das Gesicht der nicht mehr ganz so dicken freundlichen Frau.

„Leo!“, schimpfte diese, halb lachend und halb schmerzverzerrt. „Kannst du nicht außen um mich rumgehen, wenn du schon aus meinem Wasserglas trinken musst, obwohl dein eigener Napf direkt neben dem Bett steht?“

„Nein“, erwiderte Leo seelenruhig, während sie mit den Vorderpfoten auf dem Nachttisch und mit den Hinterpfoten im Bett stand und genüsslich aus dem Wasserglas trank. „Dann müsste ich ja an Fritte vorbei. Und außerdem habe ich bei der Folge der Sesamstraße, in der sie den Unterschied zwischen „mein“ und „dein“ erklärt haben, gefehlt.“

„Könnt ihr mal ruhig sein?“, fragte Fritte in mattem Ton. „Ich würde gerne schlafen.“

Leo und die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau warfen sich einen stillen Blick des gegenseitigen Verstehens zu. Dann antworteten sie unisono: „Selbstverständlich, Herr von Frithelsen.“

Leo rollte sich wieder auf ihrem Kopfkissen zusammen und kuschelte sich dabei an die Hand der nicht mehr ganz so dicken freundlichen Frau. Die kringelte sich wieder um Fritte herum, zog die Bettdecke etwas höher und machte das Licht aus. „Gute Nacht, ihr kleinen Mäuse!“

„Gute Nacht, Menschin“, lächelte Leo und klappte ihre großen grünen Augen zu.

Fritte schnarchte leise, weil er natürlich schon wieder felsenfest schlief. Zwischen seinen Vorderpfoten hielt er ein Stück des Schlafshirts der nicht mehr ganz so dicken freundlichen Frau, was sie aber nicht sehen konnte, weil sie ja gerade das Licht ausgemacht hatte. Allerdings spürte sie sehr deutlich, dass Fritte mit einer vollen Breitseite angedockt hatte. Kuschelig warm, ein bisschen wie in einer Vorhölle, aber eben auch sehr gemütlich. Und so klappte auch die nicht mehr ganz so dicke freundliche Frau ihre – übrigens nicht mehr zu messerscharfen Schlitzen verengten – Augen zu und konzentrierte sich aufs Einschlafen, so wie jeden Abend und meistens stundenlang.

 

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