Vegetarisch. Vegan. Alien.

Bisher war ja immer ich die Komplizierte in der Familie, wenn es ums Essen ging. Ich lebe seit Anfang der Neunziger Jahre vegetarisch – damals stand ich damit recht alleine auf weiter Flur da und sah mich viel Unverständnis und noch mehr Unvermögen gegenüber. Auch die Bereitschaft von Menschen (egal ob Gastronomen oder Privatpersonen), mir – die ich ja freiwillig und „nur“ aus ethischen Gründen auf Fleisch verzichten wollte – soweit entgegenzukommen, dass ich auch mal in Gesellschaft essen konnte, war nicht gerade flächendeckend vorhanden. Ich erinnere mich an so viele Gelegenheiten, bei denen ich mit zwei Salatblättern und einer Kartoffel traurig neben einem durch und durch fleischhaltigen Essen saß, an freundliche Hinweise à la „Die paar Speckwürfel können Sie doch wohl rauspicken!“, an Lügen wie „Natürlich haben Auberginen Gräten – Ihr Essen ist rein vegetarisch!“ und an verschämte Entschuldigungen wie „Ich hätte dich gerne eingeladen, aber ich weiß nicht, was ich für dich kochen könnte!“

Im Laufe der Jahre wurde alles besser. Langsam, aber beständig. Ich erinnere mich noch ganz genau an den großartigen Tag, an dem ich zum ersten Mal einen anderen Vegetarier traf! Ganz unerwartet und wie aus heiterem Himmel, aber was für ein großartiges Gefühl, plötzlich nicht mehr der einzige Schwule im Dorf zu sein! Und irgendwann war es auch Standard in Hamburger Restaurants, doch wenigstens ein fleischloses Gericht à la Carte anzubieten, so dass man nicht jedes Mal wieder verhandeln musste und auf das Wohlwollen von Servicepersonal und Küche angewiesen war… Diese Schmach sitzt tief: Nach über zwanzig Jahren freue ich mich noch immer wie Bolle, wenn ich irgendwo die Auswahl zwischen mehreren vegetarischen Gerichten habe und diese einfach so bestellen kann, ohne mich dabei wie ein Alien zu fühlen.

Das Bewusstsein für die Chancen, als Nichtalles-Esser etwas Schönes zu essen zu bekommen, ist mir geblieben. In jedem Supermarkt, bei jedem Brunchbuffet und in jedem Restaurant checke ich zuallererst die vegetarischen Optionen, egal, was ich gerade tatsächlich kaufen bzw. essen will. Und ich kenne mich mit den Möglichkeiten, die wir „Außenseiter“ so haben, ganz gut aus. Dachte ich wenigstens.

Bis…

… bis vor zwei Wochen mein Freund ankündigte, sich nunmehr und fortan vegan ernähren zu wollen. „Cool“, sagte ich, während ich unauffällig etwa zwei Kilo Käse, die ich für unser gemeinsames Frühstück gekauft hatte, in den Kühlschrank schob. „Das wird ja unterhaltsam.“ Dann durchsuchte ich schnell meine Küche und konnte ihm wenige Minuten später schon Kaffee, Knäckebrot, Hummus, Avocadocreme, einen Apfel und ein paar schrumpelige Tomaten anbieten. Alle anderen vorhandenen Lebensmittel fielen entweder in die Kategorie „definitiv nicht vegan“ oder – und das war der größere Teil – „sollte eigentlich vegan sein, aber wir wissen es nicht mit Bestimmtheit“.

Und damit, dem unschönen Gefühl, es nicht mit Bestimmtheit zu wissen bzw. sich auf seinen gesunden Menschverstand nicht verlassen zu können, sind wir auch schon mitten drin in den Hauptproblematiken des modernen veganen Lebens. Ich wohne zwar in der Hamburger Innenstadt und befinde mich damit in der wirklich luxuriösen Situation, allein in Gehweite meiner Wohnung fünf komplett vegane Restaurants und Cafés zu kennen. Auch gibt es hier natürlich Einkaufsmöglichkeiten noch und nöcher: Wochenmärkte, Supermärkte, Biomärkte, Reformhäuser und Fachgeschäfte, in denen Inhaber und Verkäufer ihre Produkte so genau kennen, dass sie ihren Kunden auswendig alle Inhaltsstoffe aufzählen können.

Im normalen, gleichwohl gutsortierten Supermarkt ist es hingegen so, dass Sie, sobald Sie die Obst- und Gemüseabteilung verlassen, sehr viel Kleingedrucktes lesen müssen, um sicher sein zu können, dass ein Produkt tatsächlich tierfrei ist. Und zwar nicht nur tierfrei in diesem Moment, in dem Sie es in Ihrer zitternden Hand halten, sondern auch während des gesamten Herstellungsprozesses. (Googeln Sie mal „klären und schönen“, dann wissen Sie, warum auf Saftpackungen mit 100 % Fruchtgehalt das Label „vegan“ doch nicht ganz so lächerlich ist, wie es im ersten Moment aussieht.

Eine Kennzeichnungspflicht für vegane (und vegetarische) Produkte besteht bisher in Deutschland (und EU-weit) nicht. Dass trotzdem mehr und mehr Hersteller dazu übergehen, ihre Produkte freiwillig zu kennzeichnen, entweder mit dem „offiziellen“ V-Label oder z. B. mit dem schlichten Hinweis „veggie“, ist auf jeden Fall der Tatsache geschuldet, dass engagierte Verbraucher seit Jahrzehnten für mehr Durchsichtigkeit und Bewusstmachung kämpfen. Trotzdem wird es noch dauern, bis man wirklich auf jeder Verpackung und möglichst auf den ersten Blick sehen kann, ob ein Produkt vegetarisch, vegan und/oder gluten-/laktosefrei ist. Nur zum Beispiel.

Zum Glück schreiben dieselben engagierten Verbraucher auch seit Jahren immer wieder einzelne Produzenten an, um zu erfragen, welche ihrer Produkte möglicherweise auch ohne Kennzeichnung, also eher zufällig oder versehentlich, als vegan durchgehen. Es gibt Hersteller, die darauf tatsächlich sehr detaillierte Listen schicken (die man alle im Internet finden kann), ihr steigendes Bewusstsein für diese Thematik bekunden und sich sogar dafür entschuldigen, dass noch nicht mehr ihrer Produkte – die es dem gesunden Menschenzustand zufolge eigentlich vegan sein müssten – dies noch nicht sind. Und es gibt Hersteller, die durchblicken lassen, dass es Ihnen scheißegal ist, ob ihre Produkte tierfrei sind oder nicht. Und natürlich auch alle möglichen Varianten dazwischen. Ich kenne diese Listen und Fragen und Anprangerungen bereits seit Jahren, denn sie sind auch für Vegetarier relevant.

Nehmen wir mal das Beispiel Süßigkeiten. Nach wie vor finde ich es unglaublich, wie viele Süßigkeiten nicht „veggie“-tauglich sind. Klar, dass klassische Milchschokolade nicht vegan sein kann, entnehmen wir bereits dem Namen. Damit müsste sie aber ja auf jeden Fall noch vegetarisch sein, oder? Ist aber nicht zwangsläufig so, denn viele Schokoladen enthalten Süßmolke – und die wird mit Lab hergestellt. Dieses kann man zwar auch tierfrei also mikrobiell produzieren, aber klassisches Lab ist ein Enzymgemisch, das aus Kälbermägen gewonnen wird. Lab ist außerdem in den meisten Käsesorten und – aus lustigen Gründen, die zum Beispiel auch mit der Umgehung des Pfandgesetzes zu tun haben – in Erfrischungsgetränken enthalten, die uns jeden Tag begegnen und bei deren Anblick kaum jemand darauf kommt, dass sie nicht vegan sein könnten.

Als Neuveganer hat man viel zu tun und zu lernen, aber auch das Glück, auf das mühsam erarbeitete Wissen der Älteren zurückgreifen zu können. Es gibt großartige Websites, die alle Arten von relevanten Informationen aufbereitet haben. Lange Listen, Einkaufsapps, regionale Sammlungen, Blogs, alles. Wirklich toll. Man kann sich in relativ kurzer Zeit einen Überblick verschaffen und auch zu fast jeder Frage, die einem unterwegs einfällt, schnell passende Antworten finden.

Eine Meinung bzw. ein Bewusstsein kann und muss dann jeder selbst für sich entwickeln. „Wie konsequent kann und will ich sein?“ ist eine sehr persönliche Frage. Möglichkeiten, noch veganer (oder vegetarischer) zu sein als man gerade schon ist, gibt es nämlich immer. Ist auch gut so, finde ich, Luft nach oben gibt mir eigentlich ein gutes Gefühl und Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft sind doch auch eine gute Sache.

Vielleicht werde ich ja im Zuge der Recherchen, um meinen Freund nicht versehentlich unvegan zu füttern, auch noch ein bisschen bewusster und besser – auch wenn ich persönlich mir den Schritt, statt Kuhmilch irgendetwas anderes für meinen Morgenkaffee aufzuschäumen, im Moment noch nicht so gerne vorstellen möchte. Aber falls das irgendwann geschieht, weiß ich schon heute, dass ich mir dann nicht mehr wie ein Alien vorkommen muss. Und das ist doch schon mal eine ganze Menge!

 

Links für Einsteiger

www.vebu.de Vegetarierbund

www.peta.de PETA Deutschland e. V.

www.petazwei.de Der vegane Einkaufsguide

http://www.veganguidehamburg.de/guide Vegan Guide der Stadt Hamburg

 

 

6 Kommentare

  1. Dann wünsche ich Dir und Deinem Freund gutes Gelingen, und dass kleine Rückschläge und Durststrecken nicht zur Aufgabe führen.Denn tatsächlich ist da der Anfang selten ganz einfach, aber das wird besser und leichter und zufriedenstellender, bis es dann Alltag ist.
    Dass Du ihn fütterst, finde ich übrigens sehr entgegenkommend von Dir.
    Ach, und ich hörte, dass sowohl Vanille-Hafermilch als auch Haselnussmilch (ich nenne es „verbotenerweise“ weiterhin Milch, hihi) in Kaffee ein durchaus guter Kuhmilchersatz sein sollen. Aber beim Thema Kaffee bin ich ja raus, also nur Hörensagen.

    Sonnige Grüße an Euch vier – pardon – sechs!

    Nicole

  2. Also ich bin inzwischen ganz begeistert von Dinkel“milch“, die ich allen anderen Milchersatzvarianten bevorzuge. Die Ist allerdings leicht süßlich. Mit Hafermilch wird der Kaffee manchmal etwas etwas säuerlich und Sojamilch ist auch nicht jedermenschs Fall.
    Viel Gelingen und großartige Geschmackserlebnisse.
    Liebe Grüße
    Agnes

  3. Juchu, herzlichen Glückwunsch! Ich ernähre seit Anfang 2014 vegan, nach 20 Jahren vegetarisch war es mir nicht mehr möglich Kuh- und Huhnquälerei für meinen Genuss in Kauf zu nehmen. Und ich habe mich mittlerweile gut „eingelebt“. Ich nehme als Milchersatz mittlerweile Kölln Haferdrink und bin damit sehr zufrieden. Ich bin kein Kaffeetrinker aber ich habe gehört, von Oatley Barista soll sehr gut zum Kaffee passen.
    http://www.oatly.com/products/germany/haferdrink-barista-edition/

    Liebe Grüße und Knutschies für die Katzis,
    Jule

  4. Hallo 🙂
    Der Artikel ist einfach nur großartig geschrieben und ich habe ihn mit viel Freude gelesen! Ich lebe auch seit 94 vegetarisch und seit 2 Jahren vegan und kann deinen Beschreibungen gut folgen. Es hat sich schon sooo vieles zum Guten verändert hinsichtlich des Angebots unterwegs und im Supermarkt, auch die Menschen sind jetzt (zumindest was Vegetarismus betrifft) soviel besser aufgeklärt. Im Kaffee schmeckt mir am Besten die Alpro Soya Light (leider wurde Alpro von Danone gekauft, das finde ich äußerst bedauerlich, denn diese Sojamilch ist echt erste Sahne für Kaffee), die lässt sich problemlos aufschäumen, dafür hab ich ein kleines Gerätchen, dass die Milch auch noch warm macht. Gabs mal bei Rossmann (gibts glaub ich immer noch) für um die 20 Euro. In Kombination mit dem Espresso aus meiner türkischen Kaffeemaschine vom Herd: ein absoluter Traum von Latte Machiato! Nochmal vielen Dank für die Lesefreude, bin gespannt auf mehr 🙂 Alina

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